Wer ver­trägt Amalgam?

22.01.2020

Die „Degus­sa-Stu­die“

8% aller Trä­ger von Amal­gam­fül­lun­gen haben bei unab­hän­gig von­ein­an­der durch­ge­führ­ten Befra­gun­gen in Nor­we­gen (2006)1 und Schwe­den (1993)2 gesund­heit­li­che Pro­ble­me im Zusam­men­hang mit Amal­gam­fül­lun­gen ange­ge­ben bzw. die Fül­lun­gen ent­fer­nen las­sen. Acht Pro­zent sind nicht der Groß­teil der Bevöl­ke­rung. Aber auch kei­ne ver­nach­läs­sig­ba­re Min­der­heit, wie es in der deut­schen Dis­kus­si­on zwi­schen Amal­gam-Geg­nern und Befür­wor­tern oft scheint, in der je nach Stand­punkt ent­we­der „alle ver­gif­tet“ sind – oder eben ein Fall für den Psy­cho­the­ra­peu­ten, wie es auch die umstrit­te­ne Amal­gam-Stu­die nahe­le­gen woll­te, die durch ein deut­sches Gerichts­ver­fah­ren gegen den Amal­gam-Her­stel­ler Degus­sa aus­ge­löst wur­de, und die, je nach Sicht­wei­se der Bericht­erstat­ter, ent­we­der „Ent­war­nung für Amal­gam“ signa­li­sier­te – oder, trotz zwölf­jäh­ri­ger For­schung (1996–2008!), wei­ter­hin kei­ne ein­deu­ti­gen Ergeb­nis­se3.

Zumin­dest darf die Dis­kus­si­on um das Amal­gam auf­grund der gut unter­such­ten Daten­la­ge heu­te in die post­ideo­lo­gi­sche Ära ein­tre­ten: Auch die an der Stu­die betei­lig­ten Unter­su­cher der GZM (Inter­na­tio­na­le Gesell­schaft für Ganz­heit­li­che Zahn­me­di­zin) fan­den kei­ne im kli­ni­schen Sin­ne einer Queck­sil­ber-Into­xi­ka­ti­on ver­gif­te­ten Pati­en­ten. Kei­ne der unter­such­ten dia­gnos­ti­schen Metho­den konn­te zuver­läs­sig zwi­schen sub­jek­tiv gesun­den und sub­jek­tiv belas­te­ten Pro­ban­den unter­schei­den. Trotz­dem zeig­ten die Ergeb­nis­se der kon­trol­lier­ten, kli­ni­schen Stu­die, dass sich durch die Ent­fer­nung von Amal­gam­fül­lun­gen die Haupt­be­schwer­den, die Lebens­qua­li­tät und die psy­chi­schen Belas­tun­gen der Pati­en­ten verbesserten.

Die Fra­ge muss erlaubt sein: Macht es Sinn, Men­schen psy­cho­the­ra­peu­tisch zu behan­deln, wenn deren Beschwer­den genau­so gut auch durch den Aus­tausch eines Zahn­füll­stof­fes beho­ben wer­den könn­ten? Wird die Behaup­tung „psy­cho­so­ma­ti­scher“ Effek­te nicht ad absur­dum geführt durch die Über­le­gung, dass man eben­so gut und mit eini­ger Evi­denz auch soma­to-psy­chi­sche Effek­te anneh­men kann? (Unter­su­chun­gen der­sel­ben Stu­die bele­gen low-dose-Effek­te von Queck­sil­ber auf Immun- und Funk­ti­ons­zel­len: Lym­pho­zy­ten reagie­ren in vitro auf nied­ri­ge Dosen von Queck­sil­ber mit Sup­pres­si­on. Funk­ti­ons­zel­len (Leber, Nie­ren, Ner­ven­zel­len) zei­gen in vitro eine ver­min­der­te Anpas­sungs­fä­hig­keit der zel­lu­lä­ren Stress-Reaktion)

Ein umwelt­me­di­zi­nisch sinn­vol­ler und für die Betrof­fe­nen weni­ger dis­kri­mi­nie­ren­der Ansatz wäre es dann, bei mög­li­cher­wei­se mul­ti­pel belas­te­ten Men­schen erst auf der über­schau­ba­ren, ver­gleichs­wei­se leicht zugäng­li­chen kör­per­lich-phy­si­schen Ebe­ne zu behan­deln (Ent­las­tung des Orga­nis­mus von Schwer­me­tall­be­las­tun­gen), bevor man wei­te­re, mög­li­cher­wei­se see­li­sche Belas­tun­gen auch nur pos­tu­liert (oder behandelt).

Eine Ein­schrän­kung hier­für ergibt sich bei Pati­en­ten, die im Sin­ne einer nega­ti­ven Focu­sie­rung (mög­li­cher­wei­se auch nach trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen beim Zahn­arzt) eine beson­de­re Zuwen­dung benö­ti­gen, bevor sie einem für sie ziel­füh­ren­den Behand­lungs­an­satz über­haupt zugäng­lich werden.

Umwelt­me­di­zi­ni­scher Lösungs­weg – Dia­gno­se und Therapie

Auf der Suche nach einer indi­vi­du­el­len Wahr­heit wird man zunächst die­je­ni­gen Men­schen zu erken­nen ver­su­chen, die im klas­si­schen Sin­ne eine All­er­gie auf eines der ent­hal­te­nen Metal­le Queck­sil­ber, Sil­ber, Kup­fer oder Zinn haben. Hier gab es in der Ver­gan­gen­heit bereits Pro­ble­me, weil der bis­her meist ver­wen­de­te Epi­ku­tan-Test nur Kon­tak­tall­er­gien der Haut, nicht aber sys­te­mi­sche Spät­typ-All­er­gien (Typ IV-All­er­gien) iden­ti­fi­ziert. Auch wird der Epi­ku­tan­test wegen der nicht zu ver­mei­den­den Kon­fron­ta­ti­on des Pati­en­ten mit den poten­ti­ell toxi­schen Metal­len von Umwelt­me­di­zi­nern kri­tisch dis­ku­tiert. Im Lym­pho­zy­ten-Trans­for­ma­ti­ons­test (LTT) sind Metall­sen­si­bi­li­sie­run­gen heu­te ohne Pati­en­ten­be­las­tung und mit höhe­rer Sen­si­ti­vi­tät nachweisbar.

Von den all­er­gi­schen Phä­no­me­nen nicht immer klar abge­grenzt wer­den Unver­träg­lich­kei­ten, die z.B. mit einer man­geln­den Ent­gif­tungs­leis­tung im Kör­per­sys­tem des Pati­en­ten ein­her­ge­hen. Die in vitro nach­ge­wie­se­nen low dose-Effek­te wird man im Ein­zel­fall nicht nach­wei­sen kön­nen. Zusam­men­fas­send kann man zunächst also sagen, dass Amal­gam ein Fül­lungs­ma­te­ri­al ist, das wie alle ande­ren Werk­stof­fe unver­träg­lich sein kann im Sin­ne einer klas­si­schen All­er­gie, das aber auch toxi­sche Bestand­tei­le hat, die im Kör­per wich­ti­ge Lebens­funk­tio­nen hem­men kön­nen. Ein „blin­der“ Aus­tausch gegen ein ande­res Mate­ri­al ist nicht zu emp­feh­len, da prin­zi­pi­ell jeder kör­per­frem­de Stoff uner­wünsch­te Wech­sel­wir­kun­gen mit dem Orga­nis­mus ein­ge­hen und dar­über Trig­ger für chro­ni­sche Erkran­kun­gen sein kann.4.

Lite­ra­tur

  1. Nor­heim, AJ, Ramstad, S.: Opp­lev­de sam­men­hen­ger mel­lom amal­gam og hel­se i den nor­ske befol­k­ning. NAF­KAMs skrift­se­rie, nr. 2., 2006
  2. Ham­re, Harald: Amal­gam. Pro­ble­me und Lösun­gen in der natur­heil­kund­li­chen Pra­xis. Hip­po­kra­tes, 1997, S. 77–80
  3. Mel­chart, Die­ter etal.: Tre­at­ment of Health Com­p­laints attri­bu­t­ed to Amal­gam – The Ger­man Amal­gam Tri­al. J Dent Rese­arch 2008, 97: 349–353
  4. Reichl, Franz-Xaver: Zur Toxi­ko­lo­gie den­ta­ler Restau­ra­ti­ons­ma­te­ria­li­en. Vor­trag zum 7. Nord­deut­schen Umwelt­sym­po­si­um Kiel, 18.–19.04.2008

(Quel­le: Deut­sche Gesell­schaft für Umwelt-Zahn­Me­di­zin; April 2014)

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